Gockels Wallenstein verbindet Schillers Drama mit Wagner-Söldnern und Prigoschin
Sergio KarzGockels Wallenstein verbindet Schillers Drama mit Wagner-Söldnern und Prigoschin
Regisseur Jan-Christoph Gockel inszeniert Schillers Wallenstein in einer kühnen Neuinterpretation
In seiner mutigen Neuauflage von Schillers Wallenstein verbindet Gockel historisches Drama mit modernen Konflikten und zieht Parallelen zwischen den Kriegen des 17. Jahrhunderts und heutigen russischen Söldnern. Im Zentrum steht eine frappierende Verbindung: Der Satz "Der Krieg nährt den Krieg" verknüpft Wallensteins Schicksal mit dem von Jewgeni Prigoschin, dem Chef der Wagner-Gruppe.
Den Abend eröffnete ein Vortrag des russischen Künstlers Serge, der mit schwarzem Humor und einem "Ridikulus"-Zauber aus Harry Potter Prigoschins Aufstieg sezierte. Gockels Inszenierung griff tief in Schillers Originaltext ein, fügte neue Prologe, Epiloge und aktuelle Forschungsergebnisse über Wagner-Truppen ein. Das Ergebnis war eine Produktion, die das Publikum mit roher, fragmentarischer Energie herausforderte.
Serge setzte mit seiner provokanten Vortragsperformance den Ton – eine Mischung aus Satire und ernüchternder Realität. Seine Analyse von Prigoschins Macht und der Brutalität der Wagner-Gruppe prägte die Themen des Abends: Krieg, Verrat und die Gewaltzyklen, die sie am Leben halten.
Gockels Adaption strich große Teile von Schillers Dialog und ersetzte sie durch schroffe Einspielungen – darunter Lesungen der Forschung von Okunew zur Soldatenkultur, vorgetragen von Zuschauern in Anlehnung an Heiner Müllers Methoden. Die Bühne wurde selbst zum Schlachtfeld der Ideen, besonders in "Das Schlachtmahl in sieben Gängen", wo Wallensteins Geschichte und Prigoschins in einem dialektischen Kampf aufeinandertrafen. Ein langer Küchentresen diente als Arena für das Ensemble, das kochte und debattierte – eine Szene, die für ihre Originalität gelobt wurde, auch wenn spätere Momente nicht ganz an diese Intensität anknüpfen konnten.
Das beklemmendste Element der Inszenierung war eine mechanische Vorrichtung, die den gelähmten Körper von Samuel Koch wie eine Marionette bewegen sollte. Obwohl sie nur kurz zu sehen war, blieb ihre Präsenz als stummer Beweis für die entmenschlichende Gewalt des Krieges haften. Kochs Darstellung des Wallenstein jedoch gab dem Chaos Halt. Seine Performance durchdrang die Fragmentierung und verlieh der ausufernden Erzählung einen menschlichen Kern.
Musikalische und puppenkünstlerische Beiträge von Maria Moling und Annette Paulmann fügten surreale Schichten hinzu. Ihre Arbeit spiegelte das übergeordnete Ziel der Produktion wider: den mündlichen Geschichtsstil Swetlana Alexijewitschs nachzuempfinden, deren Werke wie "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" und "Tschernobyl" ähnliches dokumentarisches Theater in Deutschland inspiriert haben. Hier lag der Fokus jedoch weniger auf Zeugnissen als vielmehr auf der Kollision – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Text und Improvisation, Kontrolle und Zusammenbruch.
Gockels Wallenstein hinterließ beim Publikum eine Inszenierung, die so beunruhigend wie ambitioniert war. Indem er Schillers Klassiker mit Forschung über moderne Söldner verband, zwang er zu einer Auseinandersetzung mit den beständigen Mechanismen des Krieges. Nicht alle Experimente gelangten gleich überzeugend, doch die stärksten Momente – Kochs Wallenstein, die mechanische Marionette, die aufeinanderprallenden Erzählstränge – zeigten, wie Theater die offenen Wunden der Geschichte freilegen kann.