Thüringer Pilotprojekt klärt 5.000 Schüler:innen über digitale Gewalt auf – doch das Problem bleibt riesig
Gernot GertzThüringer Pilotprojekt klärt 5.000 Schüler:innen über digitale Gewalt auf – doch das Problem bleibt riesig
Dreijähriges Pilotprojekt in Thüringen: Workshops zu digitaler sexualisierter Gewalt erreichen fast 5.000 Schüler:innen
Ein dreijähriges Modellprojekt in Thüringen hat fast 5.000 Schüler:innen in Workshops über digitale sexualisierte Gewalt aufgeklärt. Geleitet von der Pädagogin Yasmina Ramdani zielen die Veranstaltungen darauf ab, ein wachsendes Problem anzugehen, das immer mehr junge Menschen im Netz betrifft. Aktuelle Studien zeigen: Fast die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland war bereits mit solchen Vorfällen konfrontiert – doch viele Schulen wissen nicht, wie sie reagieren sollen.
Zwischen 2021 und 2024 besuchte Ramdani Schulen in ganz Thüringen und arbeitete mit Schüler:innen der fünften bis achten Klasse. Mit interaktiven Methoden wie Bingokarten regte sie Diskussionen über Apps, Grenzen und Begriffe wie Cybergrooming an – also die gezielte Kontaktaufnahme von Täter:innen in Chats, um Kinder später zu missbrauchen. Der Ansatz half den Jugendlichen, Risiken in alltäglichen digitalen Interaktionen zu erkennen.
Viele Vorfälle geschehen dabei nicht nur durch Fremde, sondern auch im Freundeskreis oder in Klassenchats. Naivität und mangelndes Urteilsvermögen führen oft zu Grenzüberschreitungen – mit langfristigen emotionalen Folgen. Lehrer:innen berichten unterdessen häufig, dass sie sich überfordert fühlen und besser geschult werden müssten, um solche Fälle zu bewältigen.
Das Projekt, das als bundesweit einzigartige Initiative gefördert wurde, kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit alarmierende Zahlen vorlegt: Fast jede:r zweite junge Mensch in Deutschland erlebt sexualisierte Gewalt im Netz. Prävention, so betonen Expert:innen, sei weitaus kostengünstiger als die spätere Bewältigung von Traumata und sozialen Folgen. Auch prominente Fälle wie die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann haben das Thema kürzlich in den öffentlichen Fokus gerückt.
Eltern kommen dabei eine Schlüsselrolle zu. Ramdani betont, dass Erwachsene ihr eigenes digitales Verhalten reflektieren und offen mit Kindern über Einverständnis sprechen müssen. Ohne diese Gespräche bleiben die Risiken bestehen – sowohl zu Hause als auch in Schulen, wo die Unterstützung oft lückenhaft ist.
Das Thüringer Pilotprojekt hat gezeigt, wie gezielte Workshops Tausende Schüler:innen erreichen können. Doch bundesweite Daten dazu, wie viele weitere Schulen ähnliche Programme eingeführt haben, gibt es nicht. Die Herausforderung liegt nun darin, Präventionsmaßnahmen auszuweiten – bevor noch mehr junge Menschen vermeidbaren Schaden erleiden.






