28 April 2026, 02:19

Warum scheiterte die Kritik am Neoliberalismus seit den 1970ern so oft?

Schwarze und weiße Illustration, die den Übergang von Tory-Regelung zu liberaler Regierung darstellt, mit mehreren Personen, Tieren und Gegenständen.

Warum scheiterte die Kritik am Neoliberalismus seit den 1970ern so oft?

Ein neues Buch untersucht, warum die Kritik am Neoliberalismus seit den 1970er-Jahren nur schwer Fuß fassen konnte. Der von Felix Dümcke, Flemming Falz und Tim Schanetzky herausgegebene Band analysiert sowohl die Dominanz der marktliberalen Ideologie als auch die Schwächen ihrer Gegner. Das Projekt entstand aus Diskussionen während eines Workshops am Essener Institut für fortgeschrittene Studien im Kulturwissenschaftlichen Kontext (KWI).

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Der unter dem Titel "Krise der Kritik? Kapitalismuskritiker im neoliberalen Zeitalter" erschienene Sammelband vereint Aufsätze, die den Niedergang systemischer antikapitalistischer Bewegungen beleuchten. Ein Beitrag von Thorsten Holzhauser widmet sich der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die in den 1990er-Jahren gegründet wurde. Statt eine radikale Opposition zu beleben, habe die PDS seiner Ansicht nach Identitätspolitik mit gemäßigter keynesianischer Wirtschaftspolitik vermischt.

Agnes Arndt zeichnet in ihrem Essay nach, wie sich die Sprache der Linken im Laufe der Zeit wandelte. Begriffe wie "bürgerliche Gesellschaft" wurden etwa umgedeutet, um neoliberale Reformen zu rechtfertigen, während ältere Kritik an bürgerlichen Strukturen in den Hintergrund geriet. Benjamin Möckel hingegen hinterfragt die Vorstellung, dass die Proteste von 1968 einen plötzlichen Wendepunkt hin zu einer Konsumkritik markierten. Er zeigt, dass solche Argumente bereits während des Nachkriegswirtschaftsbooms aufkamen.

Roman Kösters Reflexion fügt eine weitere Ebene hinzu: Er stellt infrage, ob "Neoliberalismus" überhaupt ein sinnvoller analytischer Begriff ist. Oft als einheitliche Kraft betrachtet, sei er in Wirklichkeit fragmentierter, als gemeinhin angenommen. Die Herausgeber betonen, dass ein Verständnis der jüngeren Geschichte sowohl die Widerstandsfähigkeit marktliberaler Ideen als auch das Scheitern ihrer Kritiker in den Blick nehmen muss.

Forschende unterscheiden üblicherweise zwei Erklärungsansätze für den Aufstieg des Neoliberalismus: strukturelle Veränderungen des Kapitalismus und die intellektuelle Verbreitung seiner Lehren. Die Aufsätze des Bandes verdeutlichen, dass oppositionelle Bewegungen trotz wiederkehrender Protestwellen häufig an Geschlossenheit und nachhaltiger Wirkung mangelten.

Der Band macht eine zentrale Spannung deutlich: Während der Neoliberalismus Wirtschaft und Gesellschaft umformte, gelang es seinen Kritikern nur selten, wirksamen Widerstand zu leisten. Indem die Herausgeber diese Dynamiken nachzeichnen, bieten sie einen Rahmen, um die politischen und intellektuellen Verschiebungen seit dem späten 20. Jahrhundert neu zu bewerten. Das Buch liefert keine einfachen Antworten, sondern zeichnet das komplexe Zusammenspiel von Ideologie, Protest und historischem Wandel nach.

Quelle