Daniel Josefsohns ungeschönte Bilder vom wilden Deutschland nach dem Mauerfall
Gernot GertzDaniel Josefsohns ungeschönte Bilder vom wilden Deutschland nach dem Mauerfall
Zwei Ausstellungen in Berlin präsentieren derzeit das mutige, ungeschönte Werk des Fotografen Daniel Josefsohn. Seine Bilder fangen die rohe Energie des Deutschlands nach dem Mauerfall ein – eine Zeit wilder Freiheit, krasser Gegensätze und schamloser Glamour. Eines seiner markantesten Werke, Ohne Titel, 1996, zeigt eine strahlende junge Frau unter der Dusche und verkörpert damit den sorglosen Geist der Epoche.
Josefsohn stieg zu Bekanntheit auf, indem er die Euphorie und die Exzesse dokumentierte, die dem Fall der Berliner Mauer 1989 folgten. Seine Kamera richtete sich auf die Konflikte zwischen Ost und West: verfallene Gebäude neben glänzenden Neubauten, das Chaos der Wiedervereinigung und die schiere Freude der Befreiung. Serien wie Ostberlin und Deutschland einig Vaterland wurden zu visuellen Chroniken einer Nation im Umbruch, die Themen wie Spaltung, Erneuerung und flüchtige Momente der Einheit verbanden.
Im Gegensatz zur inszenierten Fotografie posierten seine Motive nie. Sie lebten einfach – ob in besetzten Häusern, neonbeleuchteten Clubs oder stillen Wohnräumen. Selbst seine Selbstporträts sprühten vor Lebensenergie und wichen trotz des umgebenden Aufruhrs keiner Melancholie. Seine Arbeiten erschienen in großen Magazinen wie Tempo, Jetzt, SZ-Magazin und Zeit Magazin und festigten so seinen Ruf als Chronist der Zeit.
Zwei aktuelle Ausstellungen beleuchten unterschiedliche Facetten seines Schaffens. Show Your Darling V in der Galerie ep.contemporary (noch bis zum 18. Oktober 2023) zeigt Josefsohns Werke neben denen von 37 weiteren Fotograf:innen. Die Ausstellung Daniel Josefsohn: Unseen in der Galerie Crone (bis 18. November 2023) hingegen bietet einen vertieften Einblick in seine weniger bekannten Arbeiten. Ein Katalog zu Show Your Darling V ist zudem für 10,- € zzgl. Versand über wild[at]kunstwild.de oder direkt in der Galerie erhältlich.
Josefsohns Fotografien bleiben lebendige Zeitkapseln einer Ära, die von Umbrüchen und Überschwang geprägt war. Seine Bilder tun mehr, als Geschichte zu dokumentieren – sie pulsieren vor derselben ungebändigten Energie, die das wiedervereinigte Deutschland formte. Beide Ausstellungen bieten eine seltene Gelegenheit, sein Werk im Kontext zu erleben und einen Moment festzuhalten, in dem alles möglich schien.