15 March 2026, 04:17

Jürgen Habermas stirbt mit 94 – ein Jahrhundertdenker geht

Porträt von Hermann Boerhaave, einem deutschen Philosophen, mit Text am unteren Bildrand.

Jürgen Habermas stirbt mit 94 – ein Jahrhundertdenker geht

Jürgen Habermas, der einflussreichste Intellektuelle Deutschlands des vergangenen Jahrhunderts, ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Geboren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf, wuchs er im Schatten der NS-Herrschaft auf, war aber zu jung, um im Krieg kämpfen zu müssen. Über sieben Jahrzehnte hinweg prägten seine Ideen die Debatten über Demokratie, Europa und die Gefahren des Extremismus.

In den 1960er-Jahren stieg Habermas als eine der führenden Stimmen der Studentenproteste in Deutschland zu Prominenz auf. Sein Werk verband Philosophie und Politik und verschaffte ihm moralische Autorität sowie weltweite Anerkennung. In den 1990er-Jahren warnte er vor dem, was er als "linken Faschismus" bezeichnete, und verteidigte den Rechtsstaat gegen ideologische Bedrohungen.

Im Oktober 1989, als Deutschland auf die Wiedervereinigung zusteuert, kritisierte Habermas den Prozess in seinem Zeit-Essay Die nachholende Revolution. Er bezeichnete die rasche Eingliederung der DDR als Anschluss – eine erzwungene Annexion –, die von Marktlogik statt von demokratischen Prinzipien getrieben sei. Statt über Artikel 23 eine schnelle Einheit herbeizuführen, plädierte er für Artikel 146, der eine neue Verfassung und eine breitere öffentliche Debatte erfordert hätte. Öffentlich mahnte er wiederholt vor Nationalismus und forderte die Zivilgesellschaft auf, den Wandel aktiv mitzugestalten, statt eine bürokratische Übernahme hinzunehmen.

Später sah Habermas in Europa die einzige Verteidigung gegen den wiedererstarkten Nationalismus. Er setzte sich für ein föderales europäisches Projekt ein, da er überzeugt war, dass eine vertiefte Integration die Rückkehr alter Rivalitäten verhindern könne. Seine Vision ging über Deutschland hinaus: Er betrachtete die Einheit des Kontinents als essenziell für Frieden und demokratische Stabilität.

Habermas hinterlässt ein Erbe, das das deutsche Geistesleben neu definierte. Seine Kritik an der Wiedervereinigung, seine Warnungen vor Extremismus und sein Einsatz für Europa prägten ganze Generationen. Die von ihm angestoßenen Debatten – über Demokratie, Nationalismus und die Rolle der Zivilgesellschaft – sind bis heute zentral für das politische Denken.

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